03/05/2026
SZ, 2.5.26 «Das ist kein Wachstum, es ist ein Schneeballsystem»
SVP-Nationalrat Franz GrĂŒter kritisiert steigende Mieten, ĂŒberlastete Infrastruktur und fordert klare Grenzen sowie eine stĂ€rkere Steuerung der Migration.
Was erhoffen Sie sich von Ihrer Initiative gegen eine 10-Millionen-Schweiz?
Franz GrĂŒter : Ich mache mir Sorgen ĂŒber die starke Zuwanderung in der Schweiz, auch bei mir im Kanton Luzern. Wohnungen sind kaum mehr bezahlbar und sehr knapp geworden, und die Infrastruktur ist am Anschlag â auf Strassen, in der Bahn und im öffentlichen Verkehr. Im Pendelverkehr nach Bern ist ein Sitzplatz am Morgen und Abend oft GlĂŒckssache. Wenn wir weitermachen wie bisher, steuern wir auf eine 11- oder 12-Millionen-Schweiz zu.
Sie werfen der PersonenfreizĂŒgigkeit auch vor, keinen echten Wohlstandsgewinn gebracht zu haben.
Ja. Die PersonenfreizĂŒgigkeit hat in der Schweiz nicht zu mehr Wohlstand fĂŒr den Einzelnen gefĂŒhrt. Das Bruttoinlandprodukt BIP pro Kopf ist kaum gewachsen. Wenn jedes Jahr 80â000 oder 100â000 Menschen zusĂ€tzlich in die Schweiz kommen, dann braucht es fĂŒr diese Menschen Wohnungen, Schulen, Strassen, Bahninfrastruktur, Energie â und vieles mehr. Das ist kein echtes Wachstum, sondern ein Schneeballsystem.
FĂŒr Sie geht es also um Dichtestress, die Zersiedelung der Landschaft. Ist das eine Migrationsinitiative im Ăkogewand â wie damals Ecopop?
Es geht klar um Nachhaltigkeit. Ich verstehe nicht, warum sich die GrĂŒnen nicht fĂŒr diese Initiative einsetzen. Und wenn Mitte-PrĂ€sident Philippe Bregy sagt «Es muss nicht immer eine Villa mit Garten sein» oder «Verdichten muss nichts Schlechtes sein», dann ist das anmassend: Man kann doch der eigenen Bevölkerung nicht sagen, sie solle sich einschrĂ€nken, damit die Zuwanderung weiter steigen kann. DemgegenĂŒber ist unsere Initiative sehr vernĂŒnftig: Zuwanderung soll möglich bleiben, jĂ€hrlich könnten immer noch 40â000 Personen und FachkrĂ€fte kommen.
Wie kommen Sie auf diese Zahl?
Die Initiative verlangt, dass die Schweiz bis 2050 nicht ĂŒber 10 Millionen Einwohner wĂ€chst. Wir sprechen also ĂŒber einen Zeithorizont von mehr als zwanzig Jahren. Heute liegen wir bei rund 9,1 Millionen Einwohnern. Es könnten also immer noch rund 1 Million Menschen kommen, das wĂ€ren rund 40â000 Personen Jahr fĂŒr Jahr. Das ist eine Begrenzung der Zuwanderung auf ein verkraftbares Mass. Ich bin ĂŒberzeugt, dass wir diese Zielgrösse erreichen können, ohne KĂŒndigung der PersonenfreizĂŒgigkeit â das wĂ€re fĂŒr mich die Ultima Ratio.
Wie konkret soll das gehen?
Ein Vorbild ist fĂŒr mich DĂ€nemark, gerade im Asylbereich. Dort ist es â notabene unter einer linken Regierung â gelungen, die Asylzahlen deutlich zu senken, auch dank konsequenter RĂŒckfĂŒhrungen. Wer keinen Schutzanspruch hat, muss das Land verlassen. Genau dort liegt in der Schweiz ein grosses Potenzial.
Reicht das? Wenn man von heute rund 100â000 zuwandernden Personen auf 40â000 runter will, mĂŒssten etwa 60â000 Personen pro Jahr weniger kommen.
Es braucht ein BĂŒndel von Massnahmen. Im Asylbereich, aber auch bei der Arbeitsmigration: Von zehn Personen, die in die Schweiz einwandern, kommen nur fĂŒnf zum Arbeiten. Die anderen kommen ĂŒber Familiennachzug, als Studierende oder landen sogar im Sozialstaat. Wir haben fast 75â000 arbeitslose AuslĂ€nder. Zwei von drei SozialhilfebezĂŒgern sind AuslĂ€nder oder Asylanten. Trotzdem holt man weiter Leute aus dem Ausland in die Schweiz. Das ist doch nicht nachhaltig.
Sie wollen also stÀrker steuern, wer zum Arbeiten in die Schweiz kommt. Konkret: Heisst das, die Pharma bekÀme in der Schweiz Vorrang vor der Landwirtschaft?
Es ist interessant: In LĂ€ndern wie Australien oder Kanada werden oft nicht primĂ€r Akademiker gesucht, sondern FachkrĂ€fte in Berufen mit tatsĂ€chlichem Mangel. Das ist auch meine Antwort auf die Behauptung von Bundesrat Beat Jans, mit unserer Initiative mĂŒsste ein Spital schliessen. NatĂŒrlich nicht. Wenn wir weiterhin rund 40â000 Personen pro Jahr aufnehmen, können darunter PflegefachkrĂ€fte und andere dringend benötigte Fachleute sein.
Und wo Arbeitslosigkeit herrscht, soll die Zuwanderung eingeschrÀnkt werden?
Genau. Mich stört, dass der Bundesrat hier nichts unternimmt. Er mĂŒsste lĂ€ngst offenlegen, in welchen Berufskategorien wir tatsĂ€chlich Mangel haben â und in welchen nicht. Es gibt heute Bereiche, in denen wir in der Schweiz Arbeitslosigkeit haben und gleichzeitig weiter Menschen importieren. Gerade im Bau- und Gastgewerbe beispielsweise ist das ein Thema.
Nach der Annahme der Masseneinwanderungsinitiative wurde die Stellenmeldepflicht eingefĂŒhrt. Reicht Ihnen das nicht?
Nein. Denn es gibt keine echte Verpflichtung fĂŒr Unternehmen, zuerst im Inland zu rekrutieren. Ich finde: Zuerst werden die Stellen mit Leuten besetzt, die bereits im Land sind. Solange das nicht gelingt, können aus dieser Branche eben keine zusĂ€tzlichen ArbeitskrĂ€fte ins Land kommen.
Das klingt nach Kontingenten durch die HintertĂŒr.
Ein starres Kontingentsystem ist im Moment nicht das, was wir anstreben. Ich glaube, man kann mit einem konsequenteren Asylwesen, mit klaren Schwellenwerten und mit weiteren Massnahmen die Zahlen bereits deutlich senken. Ich möchte daran erinnern, dass die Schweiz mit der Annahme der Masseneinwanderungsinitiative bereits einmal Ja gesagt hat zu Kontingenten und Höchstzahlen. So steht es auch in der Bundesverfassung. Leider wurde es nicht umgesetzt.
Wenn die PersonenfreizĂŒgigkeit dereinst doch wegfiele, brĂ€uchte es aber irgendein Auswahl- oder Kontingentsystem â und das wĂ€re ein BĂŒrokratiemonster.
Nein, die Schweiz mĂŒsste nur das machen, was andere klassische ZuwanderungslĂ€nder auch tun. Und ich sage es offen: Die Schweiz ist ein Zuwanderungsland. Wir haben hohe Löhne, wir sind attraktiv â das freut mich ja. Aber gerade deshalb braucht es klare Regeln. Statt einer Massen-Zuwanderung braucht die Schweiz eine qualitative Zuwanderung.
Also doch: mehr Ărztinnen, Pflegepersonal und FachkrĂ€fte, weniger Arbeiter auf dem Bau und in der Landwirtschaft?
Nicht zwingend. Ich habe mir die Listen in Australien angeschaut: Da sind vielleicht 20 Prozent Akademiker drauf, der Rest sind viele praktische Berufe. Auch Bauern können etwa in Kanada einwandern, wenn Bedarf besteht. Wenn wir Pflegepersonal brauchen und das im Inland nicht finden, dann können diese Leute selbstverstĂ€ndlich weiterhin kommen. Oder nehmen Sie den Bau: Wenn es zu wenig ausgebildete KranfĂŒhrer gibt, dann können KranfĂŒhrer kommen. Aber wenn wir gleichzeitig in anderen Bereichen eine hohe Arbeitslosigkeit haben, dann sollten wir zuerst schauen, dass wir diese Leute im Inland wieder beschĂ€ftigen. Und wir mĂŒssen mehr ausbilden.
Zum Beispiel Ărztinnen und Ărzte?
Ja, weil es dort besonders sichtbar wird. Die Schweiz importiert viele Ărzte â das sorgt im Ausland fĂŒr Kritik. In Deutschland etwa werden Ărzte ausgebildet und sie kommen wegen der besseren Löhne in die Schweiz. Wenn Bedarf besteht, sollten wir hier mehr ausbilden, statt Ărzte in Deutschland abzuwerben und Deutschland holt dann Personal aus RumĂ€nien. Das macht doch keinen Sinn.
Ihr Parteipr Ă€sident Marcel Dettling hat gesagt, man m ĂŒsse schon ab 9,5 Millionen den Familiennachzug beschrĂ€nken. Das
wĂ€re mit der PersonenfreizĂŒgigkeit aber kaum vereinbar. LĂ€uft die Initiative nicht eben doch auf eine rasche KĂŒndigung der PersonenfreizĂŒgigkeit hinaus?
Im Moment geht es in die andere Richtung: Mit den neuen EU-VertrĂ€gen will man den Familiennachzug noch ausweiten. Nach meinem VerstĂ€ndnis war der Familiennachzug bisher klar eingegrenzt. Jetzt ist plötzlich von Grosseltern, Stiefkindern und sogar pflegebedĂŒrftigen Verwandten die Rede. Das halte ich fĂŒr falsch. Die Schweiz muss sagen: Familiennachzug ja â aber begrenzt auf den engsten Familienkreis, also Partner und Kinder. Irgendwo muss man den Hebel ansetzen.
Im Rahmen der PersonenfreizĂŒgigkeit ist Familiennachzug aber ohnehin nur
möglich, wenn jemand seine Familie selbst unterbringen und finanzieren kann.
Die Zahlen zeigen allerdings, dass die Arbeitslosenquote bei AuslÀndern deutlich höher ist als bei Schweizern.
Liegt das nicht vor allem an den Berufen, in denen sie tÀtig sind, wo das Risiko, den Job zu verlieren, viel höher ist?
Wahrscheinlich hÀngt das tatsÀchlich auch mit den Branchen zusammen. Genau deshalb sage ich: Man muss differenziert hinschauen. Wenn die Bevölkerung mit einer Initiative den Auftrag gibt, eine Entwicklung zu korrigieren, dann muss man sich ohne ideologische Scheuklappen fragen: Welche Massnahmen gibt es? Welche Hebel gibt es?
Sie stellen Fragen â aber bis heute hat die SVP kein Umsetzungskonzept zur Initiative prĂ€sentiert. W ÀÀre es nicht fairer, schon vor der Abstimmung konkret zu sagen, welche Folgen Ihre Initiative hĂ€tte?
Unser Ansatz ist: Als die Initiative lanciert wurde, hatte die Schweiz rund 8,5 Millionen Einwohner, heute sind wir ĂŒber 9 Millionen. Wenn wir nichts Ă€ndern, steuern wir auf 11 oder 12 Millionen zu. Deshalb braucht es die Grenze von 10 Millionen. Wie das Ziel konkret erreicht wird, ist dann Aufgabe von Bundesrat und Parlament â wir geben die Richtung vor.
Noch einmal konkret am Beispiel einer Ărztin aus Deutschland mit zwei Kindern und Ehemann. Wer von diesen drei Angehörigen dĂŒrfte nicht mehr kommen?
Ich finde gerade das Ărztebeispiel schwierig, weil es genau ein Bereich ist, in dem wir in der Schweiz viel stĂ€rker auf eigene Ausbildung setzen mĂŒssten. Es bringt nichts, wenn wir Ărzte aus LĂ€ndern holen, in denen sie ebenfalls gebraucht werden â und dann gleich noch die ganze Familie mitziehen. Und im eigenen Land begrenzen wir die Ausbildung von Ărzten mit einem Numerus clausus. Das ist kein Modell, das ich langfristig fĂŒr richtig halte.
Dann nehmen wir eine Topmanagerin aus der Pharmaindustrie mit Mann und zwei Kindern. Wer dĂŒrfte dann nicht kommen?
Der Familiennachzug soll auf den engsten Familienkreis beschrĂ€nkt bleiben. Partner und Kinder mĂŒssen möglich bleiben. DarĂŒber hinaus gibt es heute aber eben Regelungen, die weiter gehen. Dort kann man EinschrĂ€nkungen machen. Und im Asylwesen liegt ein riesiges Potenzial. Ăber diesen Kanal sind heute sehr viele Menschen in der Schweiz, und fast alle bleiben am Ende hier â auch solche mit abgewiesenem Gesuch.
Auf Ihrer Website schreiben Sie, Sie setzten sich dafĂŒr ein , neue ArbeitsplĂ€tze zu schaffen. Wie passt das mit dieser Initiative zusammen?
Das ist ĂŒberhaupt kein Widerspruch. Ich habe nichts dagegen, wenn Menschen in die Schweiz kommen, hier arbeiten und einen Beitrag leisten. Im Gegenteil. Wenn wir nur diese Form der Zuwanderung hĂ€tten, dann hĂ€tten wir aus meiner Sicht gar kein Problem. Es geht nicht darum, Arbeitsmigration grundsĂ€tzlich zu verhindern, sondern darum, die Zuwanderung insgesamt wieder auf ein vernĂŒnftiges Mass zu begrenzen.
Kritiker sagen: Das lĂ€uft auf ein modernisiertes Saisonnier-Modell hinaus â Leute sollen arbeiten, aber bitte ohne Familie und ohne dauerhafte Perspektive.
Nein, es geht nicht darum, das Saisonnierstatut wieder zu installieren. Ich habe selbst viel Zeit im Ausland verbracht und weiss, wie wichtig es ist, Partner und Kinder dabeizuhaben. Der enge Familienkreis muss deshalb möglich bleiben â das ist fĂŒr mich die minimale Anforderung an einen vernĂŒnftigen Familiennachzug.