08/06/2026
Wie kann man die Zeit des Genozids und die Zeit danach überleben?
In solchen existenziellen Situationen überleben nicht wenige Menschen dadurch, dass sie - wie Scheherazade - erzählen. Es ist kein Zufall, dass viele Menschen, die Mord, Vertreibung, Gefangenschaft oder schwere Folter erlebt haben, geschrieben haben. Wenn sie das Glück und die Möglichkeit dazu hatten, während des Geschehens – und wenn nicht, danach: Primo Levi, Mahmoud Darwish, Ruth Klüger, Viktor Frankl, Imre Kertész, Jorge Semprún, Victor Klemperer, Refaat Alareer, bis er von Israel ermordet wurde – dies sind nur einige wenige Namen.
Und wir, die wir in einer Zeit leben, in der wir den Genozid vor unseren Augen sehen und auf Bildschirme starren, auf denen die Körperteile von Kindern erscheinen? Wie kann man weiterleben, schaffen, essen, wenn Schuldgefühle und Gewissensbisse manchmal jeden einzelnen Bissen begleiten?
Die letzten zweieinhalb Jahre haben uns endgültig die Antwort auf die Frage gegeben, wie so etwas geschehen konnte, als es um unsere Eltern und Großeltern ging. Wir leben heute in Deutschland und sehen die Begeisterung vieler Menschen für Israel, für den Genozid, für die Gewalt und die Zerstörung; wir sehen die Beteiligung an Denunziation und Zensur sowie das Schweigen. Wir erleben eine Live-Übertragung eines entfernten Genozids – und eine sehr nahe Zusammenarbeit damit.
Nicht alle können Deutschland verlassen. Im Laufe der Jahre sind hier familiäre Bindungen, Arbeit und Lebensgrundlagen entstanden. Wie lebt man mit diesem Gefühl des Erstickens?
Die Künstlerin Candice Breitz beschäftigt sich mit genau dieser Frage. Und wie die oben Genannten schreibt sie und versucht, für das Grauen einen künstlerischen Ausdruck zu finden. Wie kann man die unerträglichen Verhältnisse in Deutschland als Jüdin ertragen, wenn die Enkel von N***s einer des Antisemitismus bezichtigen?
Sie beginnt, Briefe an Esther Bejarano zu schreiben. Bejerano, die sagte: „Ich habe nicht das Vernichtungslager Auschwitz, das KZ Ravensbrück und den Todesmarsch überlebt, um jetzt von sogenannten ‚Antideutschen‘ und Konsorten als Antisemitin beschimpft zu werden.“
Anders als in Spanien, Italien oder Griechenland gab es in Deutschland kaum Widerstand gegen die N***s, und wir verfügen über nur wenige antifaschistische Vorbilder. In Deutschland gibt es kaum Menschen, die sagen können: „Meine Oma war Partisanin, und selbstverständlich werde ich dasselbe tun.“ Und eine der wenigen antifaschistischen Figuren ist Esther Bejarano.
Deutschland hat seine Macht auch daraus bezogen der ultimative Aggressor gewesen zu sein und die Erinnerungskultur ist Täter-orientiert. Und Deutschland liebt "seine Juden" vorzugsweise in einer konformistischen und vergebenden Variante. So wie weiße Liberale die Geschichte von Nelson Mandela umgeschrieben haben – heute wird er sogar als Beispiel für einen „gewaltfreien Widerstand“ angeführt, als hätte es den ANC nicht gegeben und als wäre er nicht jahrzehntelang im Gefängnis gesessen –, so wurde auch die Geschichte von Esther Bejarano umgeschrieben.
Candice Breitz wird ihr gerecht und erzählt ihr Leben: von ihrer Kindheit in Saarbrücken über die Jahre in Auschwitz und Ravensbrück, die Befreiung aus dem Lager, ihre Auswanderung nach Israel und ihre spätere Abkehr von Israel aus politischen Gründen, weil sie Antizionistin war. Sie erzählt von den schwierigen Jahren in Hamburg und von Bejaranos Unterstützung für die Palästinenser. Bejerano unterstützte die BDS-Bewegung. Nur der Tod rettete sie davor, wieder auf der Beobachtungsliste des Geheimdienstes zu landen.
Der Abend ist aus Briefen aufgebaut, in denen ihre Biografie erscheint, begleitet von ihren „Updates“ zur Lage in Deutschland: über die Zensur von Personen wie Nancy Fraser, Basma al Sharif, Masha Gessen, Achille Mbembe, Francesca Albanese, Eyal Weizman, Greta Thunberg und Nan Goldin sowie über die Aktivierung der Geheimdienste. Früher nannte man so etwas „entartete Kunst“, heute trägt es andere Namen. Früher waren die Zensoren N***s, heute sind es Liberale und Anti-Deutsche. So jedenfalls wird es im Stück – in den Worten Bejaranos – dargestellt.
Breitz ist es gelungen, für eine Produktion mit geringem Budget bedeutende Künstlerinnen und Künstler zu gewinnen und in einem einzigen Stück gegen sämtliche Gebote des deutschen Erinnerungskatechismus zu verstoßen: Der deutsche Genozid des Zweiten Weltkriegs ist nicht der einzige, über den gesprochen wird; Juden sind nicht die einzigen Opfer; die Botschaft ist universell und bezieht sich nicht nur auf die Vergangenheit, sondern auch auf den Völkermord, den Israel begehe und an dem Deutschland in diesem Moment beteiligt sei. Es gibt Platz für Schwarze Menschen, die von den N***s und anderswo verfolgt und ermordet wurden (Bejarano trat gemeinsam mit Harry Belafonte und Miriam Makeba auf), für Roma und Sinti, für queere Menschen, für Juden, für Palästinenser, die den syrischen Bürgerkrieg überlebt haben, und für Palästinenser, die heute von Vernichtung bedroht seien.
Für jemanden, der es nicht gesehen hat, ist es schwer vorstellbar – aber es handelt sich um ein Musical. Es wurde in Kampnagel in Hamburg sowie an zwei Abenden in Berlin vor ausverkauften Sälen aufgeführt. Ein beinahe belangloses, kitschiges Lied, das Bejarano für SS-Offiziere singen und spielen musste, erfährt durch bedeutende Künstlerinnen und Künstler beeindruckende Neuinterpretationen. In den Worten von Breitz: „Du kannst dir nicht aussuchen, auf welchem Instrument du spielst, und du kannst dir nicht immer aussuchen, welches Lied du singst.“
Neben den Intellektuelen und Künstler:innen, die Deutschland einlädt und später wieder auslädt, gibt es auch jüdische Migrantinnen und Migranten, die nach Deutschland kamen, als es noch ein offener Ort war. Gestern bekamen wir einen kurzen Blick auf eine solche Möglichkeit, nachdem das HAU Hebbel am Ufer seine Türen für zwei Abende geöffnet hatte.
Das verschaffte Luft – damit man in der Enge Deutschlands überhaupt noch atmen kann.
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Auf dem Bild: Esther Bejarano, wie sie zu Beginn und am Ende der Aufführung auf der Leinwand erscheint. Im Schlussstück spielt ihr Sohn, Joram das letzte Lied gemeinsam mit dem Rapper Kutlu Yurtseven und der Sängerin von Die Anstalt Band, die ebenfalls in dem Musical auftreten.

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