14/01/2020
Gefährliche Hunde?
Es ist noch zu früh, um fachlich korrekte Aussagen zu machen zu diesem äusserst tragischen Vorfall in Fribourg. Bis jetzt ist alles nur Spekulation. Die Presse lässt allerdings nichts anbrennen und somit melden sich «Dumm und Dümmer» wieder zu Wort und kommentieren was das Zeug hält. Insgesamt macht es bis jetzt den Anschein, als dass die Presse den Fall zwar aufgegriffen hat, aber ein paar Gänge zurück gestellt hat in der Aufmachung. Natürlich sind die Schlagzeilen fragwürdig. Reisserisch. Aber die Berichterstattung ist neutraler, als damals 2005, beim Fall Oberglatt.Allerdings finde ich es auffallend, dass ein Grossteil der Kommentare objektiv und vernünftig ist.
Ich greife mir jetzt einmal ein paar Kommentare vom Blickarktikel raus und nehme dazu Stellung, denn ich kann die Finger nicht ruhig halten.
« Das ist kein Tier, das ist eine Kampfmaschine» oder noch besser «Es sind Tötungsmaschinen».
Also, ganz ehrlich gesagt, kann ich mir ein kleins Schmunzeln nicht verkneifen, wenn ich das lese. Zum wiederholten Male: Es gibt keine Kampfhunde!
Bei Pitbull&Co ist zumindest der geschichtliche Hintergrund nicht abzustreiten. Ja, die Vorfahren dieser Hunde wurden gezielt für Hundekämpfe gezüchtet und ABGERICHTET. Bereits 1835 wurden in England (Ursprungsland) Tierkämpfe verboten. Anfang des 19.Jahrhunderts begannen die Züchter damit, von der Ausrichtung der Rasse auf Hundekämpfe abzukommen. 1936 wurde dann der American Staffordshire Terrier als Rasse anerkannt. Das ist beinah 100 Jahre her… meine Güte.
Schäferhunde sind oder waren, wie der Name sagt, Hunde, die an den Schafen arbeiteten. Früher waren die Hunde Allrounder, haben die Schafe zusammen gehalten, sie aber auch gegen Diebe und Feinde verteidigt. Unbestritten kann man auch aus einem Schäferhund einen «Kampfhund» machen. Aber auch aus einem Labrador. Oder einem Kangal. Oder einem Jack Russel Terrier. Oder ganz einfach aus jedem Hund.
Natürlich gibt es Unterschiede im Temperament oder der Tendenz, wie ein Konflikt gelöst wird – doch die Genetik spielt hier eine untergeordnete Rolle. Aufzucht, Haltung und Umgang sind hier die wichtigen Aspekte.
«Solche Kampfhunde gehören verboten»
Was sind denn «solche Kampfhunde»? Ist es jetzt der Pit Bull? Der Mali? Generell Schäferhunde? Ja und was ist den mit Bulldoggen? Aber wenn Bulldoggen auf die Liste kommen, dann auch die Boxer! Und Pit Bulls&Co sind ja ursprüngliche Kreuzungen aus Bulldoggen und Terriern, dann müssen sofort auch alle Terrier verboten werden. Und Herdenschutzhunde! Huskys sind auch nicht ohne und Jagdhunde schon gar nicht. Wir erinnern uns, dass vor einigen Wochen in Frankreich eine schwangere Frau von Jagdhunden im Wald getötet wurde, oder? Ja und die Retriever, also die stehen auf der Beissstatistik an dritter!Stelle! Und ein Labrador hat seiner Halterin das Gesicht zerfleischt, so dass ihr ein neues Gesicht transplantiert werden musste. Die gehören verboten, stattdessen werden sie als Familienhunde angepriesen. Ja und alle diese kleine Kläffer. Die können Nasen und Finger abbeissen. Und wenns ganz dumm läuft und ein Dackel oder Pudel einem Kind an die Kehle geht, dann ist es auch vorbei.
Nocheinmal: Welche Kampfhunde jetzt genau? Woran machen wir die Gefährlichkeit fest? Der Rasse? Ach so, und was machen wir denn mit den Mischlingen? Ich kann durchaus einen Pitbullmischling haben, der aber absolut nicht so aussieht.
Am Gewicht? Auch kleine Hunde können beissen, schwer verletzen und auch töten, gerade bei Kleinkindern wird das unterschätzt.
Es ist selbstredend: Verbote bringen nichts.
«Jeder Hund ist eine tickende Zeitbombe»
So kann man das natürlich nicht sagen. Aber, jeder Hund kann potentiell gefährlich werden. Ein Hund ist ein Lebewesen, das arttypisch interaggiert, kommuniziert und reagiert. Je nach Situation, Ablauf, Gesundheitszustand etc. Verhalten ist somit nie konstant.
«Noch nie ist etwas passiert, bis es passiert» oder «Der tut nix»
Zum einen gehe ich hier einig, dass es zuviele Hundehalter gibt, die ihre Hunde oder Situationen falsch einschätzen. Mit Sicherheit bagatelisieren manche Hundehaltende auch das Verhalten ihrer Hunde und das kann tatsächlich gefährlich sein. Es kann mit jedem Hund, immer etwas passieren. Daher sind die «Der-Tut-Nix-Hundehalter» gefährliche Hundehalter.
Doch auch bei aller Vorsicht, kann tatsächlich immer etwas passieren. Mit Hunden. Mit Pferden. Mit Katzen. Im Strassenverkehr. Bei der Arbeit. Im Haushalt. Immer und überall.
Das sind Unfälle. Unfälle kann man nicht verhindern. Bei aller Vorsicht nicht.
Dennoch:
Ein Kind fällt in den Pool und ertrinkt: Es werden nicht alle Pools verboten und alle Ufer abgesperrt.
Ein Kind wird von einem VW überfahren: Es werden nicht alle VWs verboten.
Eine Frau wird von einem Pferd der Rasse Freiberger zu tode getreten: Es werden nicht alle Freiberger verboten.
Ein geistig gestörter Mann schubst eine junge Mutter auf die Gleise: Es wird nicht verboten, an den Gleisen zu warten.
Patienten werden immer wieder mit resistenen Keimen infiziert im Spital: Dennoch werden die Spitäler nicht geschlossen.
Nein, der Alltag geht weiter.
Und wenn man das einmal ins Verhälnis setzt, wieviele tödliche Unfälle geschehen und wieviele davon mit Hunden, dann muss man eigentlich gar nicht weiter darüber diskutieren.
«Solche Hunde sollte man jährlich einem Test unterziehen»
So ein Test soll Sicherheit suggerieren, ist aber ein Fake. Egal welchen Test man macht, es stellt immer nur eine Momentaufnahme dar.
Zudem kann man den Hund auch so trainieren, dass er einen solchen Test mit Bravour besteht.
Geht also auch nicht, wenn man etwas verbessern möchte.
«Hunde sind Waffen»
Ganz klar nein. Hunde, die keine Ausbildung dazu erhalten haben, Menschen oder andere Tiere zu verletzen oder zu töten sind nicht vergleichbar mit einer Waffe. Eine Waffe ist ein toter Gegenstand, der nur durch Menschenhand «aktiv» wird. Ein Hund ist lebendig, er hat eine Persönlichkeit und eine Seele. Einen Hund kann man nie hundertprozentig kontrollieren. Eine Waffe schon.
Und wenn Menschen Hunde zu solchen Zwecken missbrauchen, dann liegt es auf der Hand, wer gefährlich und abscheulich ist. Der Mensch.
«Dieser Hund wurde im Schutzdienst ausgebildet. Klar beissen solche Hunde.»
Znächst einmal gibt es einen grossen Unterschied in der Ausbildung von Diensthunden von Polizei/Zoll und Sporthunden.
Sporthunde sollten im Allgmeinen im Alltag ganz normale Hunde sein. Viele Diensthunde übrigens auch.
Ehrlicherweise muss man sagen, dass tatsächlich manche Ausbildungsmethoden im Schutzdienst stark veraltet sind und sich sicher nicht positiv auf das Lernverhalten und die emotionale Stabilität mancher Hunde auswirken. Das beziehe ich jetzt allerdings nicht auf den Fall in Fribourg. Ich weiss noch nicht einmal, ob dieser Hund überhaupt im Schutzdienst gearbeitet wurde.
Die fragwürdigen Ausbidlungsmethoden lassen sich übrigens nicht nur im Schutzdienst, sondern in diversen Hundesportarten finden. Es ist nicht alles Gold was glänzt.
Der Schutzdienst sieht natürlich spektakulär aus und ich verstehe, dass das für Laien ganz grauenvoll und nicht nachvollziehbar ist. Sieht man aber hinter die Kulissen und berücksigt moderne Ausbildungsmethoden, ist das eine ganz tolle und anspruchsvolle Sache – gerade für Gebrauchshunderassen.
«Warum wurde die Polizistin gebissen»
Wissen, tue ich das auch nicht.Es gibt verschiedene Erklärungen dafür. Zum einen kann es sein, dass der Hund tatsächlich seine Halterin verteidigen wollte. Weiterhin sollte berücksichtigt werden, dass sich der Hund auf dem eingezäunten Hundeplatz, den er kennt aufgehalten hat. Das ist vergleichbar mit dem Garten. Wenn einfach ein Fremder in den Garten läuft, gäbe es noch manche Hunde, die zubeissen würden. Auch ganz ohne Schutzdienstausbildung. Ganz unabhängig der Rasse. Nicht zu vergessen, dass dieser Hund sich, unabhängig davon was genau zuvor geschehen ist, in einer Extremsituation befunden hat.
Mein Fazit
Es ist ein sehr tragischer Unfall und der hinterbliebene Ehemann und Hundehalter tut mir unendlich Leid und ich hoffe, dass er irgendwann über diesen Verlust hinweg kommt. Und, ich wünsche ihm, dass die Frage nach dem WIE geklärt werden kann und dass ihn die Frage nach dem WARUM nicht kaputt machen wird.
Man kann nicht genug betonen, dass Unfälle passieren und immer passieren werden. Auch mit Hunden werden immer wieder Unfälle geschehen. Aber es ist möglich, Unfälle zu verhindern, nicht auszurotten, aber manche zu verhindern.
Das beginnt bereits bei unserer heutigen Einstellung zum Hund. Wir schauen Martin Rütter und die grössten Probleme sind Hunde die nicht gleich zurück kommen oder den Ball nicht zurück bringen.
Wir wollen, dass unsere Hunde immer nett sind mit allem und jedem, immer mit allen Hunden spielen, den Kindern das Gesicht ablecken, nicht jagen… ja, und wenn sie halt jagen, dann macht das ja nichts, die erwischen das gejagte Tier ja sowieso nicht.
Ein scharfes NEIN gehört mittlerweile schon zu den tierschutzrelevanten Massnahmen, geschweige denn ein Halsband- nur ein Brustgeschirr für den Liebling, denn sonst wird er ja gewürgt. Dass dem Halter Schulter-oder Rückenprobleme drohen, ist doch egal. Hauptsache Fifi geht’s gut und er kann sich austoben. Unsere heutige Gesellschaft versucht, unsere Hunde zu verblöden. Anerkennt sie nicht mehr als das was sie sind. Die Leute glauben, im Sinne ihrer Hunde zu handeln, wollen nur das Beste – aber das ist es nicht, denn das, was wir mit ihnen machen ist nicht artgerecht. Es sind Hunde und keine Menschen! Und Hunde sehen die Welt mit ihren Augen und die ist nicht deckungsgleich mit unserer. Hund sind heute primär Freunde und Partner, Familienmitglieder und genauso ist dann auch der Umgang.
Dass ein Hund aber 42 gute Argumente im Maul hat, wenn ihm was nicht passt oder er Angst hat, vergessen wir immer mehr. Hunde können nur so reagieren, wie es eben Hunde können und da kommen auch die Zähne zum Einsatz. Selbst wenn ein Hund keine Verletzungsabsicht hat, ist unsere Haut und unser Fleisch ziemlich schnell verletzt – weil wir eben keine Hunde sind. Und spätestens dann, geht ein riesen Theater los. Der Hund ist gefährlich. Der Hund ist asozial. Der Hund ist nicht normal. Ach Mensch, was ist nur aus dir geworden… Die Hunde bezahlen für unsere Uneinsichtigikeit, unseren Egoismus, unsere Unfähigkeit Hunde zu verstehen.
Was kann man denn tun?
Zucht und Import von Hunden
Jeder, einfach jeder kann seine Hündin decken und Welpen aufziehen. Ohne Ausbildung. Einfach so. Zucht fängt aber schon bei der Auswahl der Elterntiere an. Da gilt es, die Gesundheit und das Wesen zu prüfen. Dann geht es weiter mit der trächtigen Hündin, denn bereits ihr Zustand in der Trächtigkeit kann sich auf die Welpen positiv- aber auch negativ auswirken. Sind die Welpen einmal da, geht es um die Aufzucht. Die ersten zwölf Wochen sind sehr wichtig, um umweltsichere Hunde zu bekommen. Passieren hier Fehler oder Defizite kann das fatale Folgen für den Hund und dessen neue Besitzer haben. Somit gehört eine Bewilligungs- und Ausbildungspflicht für die Aufzucht von Welpen in die Tierschutzverordung. Denn hier werden die ersten wichtigen Weichen gestellt.
Es werden soviele Hunde wie noch nie vom Ausland importiert. Die eine Sparte sind Hunde aus Tötungsstationen. Die Meinungen gehen hier weit auseinander, wie sinnvoll das ist. Ich persönlich bin eher dafür. Es gibt soviele tolle Hunde. Warum also neue produzieren, wo es schon soviele gibt? Dennoch darf man das nicht emotional angehen und es sollten nur anerkannte Organisationen die Möglichkeit haben, solche Hunde zu importieren und zu vermitteln.
Das grössere Problem besteht bei den Rassehunden aus dem Ausland. Hunde werden unter schändlichsten Bedingungen regelrecht produziert und hier «preiswert» angeboten. Viele dieser Hunde sind krank und/oder reisen sogar illegal ein. Diesem Geschäft muss ein Riegel geschoben werden. Ich sehe hier die Lösung in hohen Bussen für die Händler, aber auch die Käufer. Engmaschige Kontrollen durch die Behörden, Tierärzte und Trainer.
Obligatorische Kurse für Hundehalter
Ein klares JA.
Allerdings sollte hier der Fokus mehr in der Ausbildung der Menschen liegen, insbesondere in der Vermittlung über die Bedürfnisse der Hunde, der Kommunikation und dem Ausdrucksverhalten, dem Management von schwierigen Situationen etc.
Der Grundgehorsam hat durchaus seine Berechtigung nur bringt das nichts, wenn die Beziehung und das Verhältnis nicht stimmt.
Hier ist die Politik gefragt. Objektivität und Verhältnismässigkeit sollten oberste Priorität haben.
Ein einheitliches Hundegesetz ist der einzige gangbare Weg.
Belinda Brunner