06/09/2026
Die Mitte der Gesellschaft sind wir alle.
Und wir freuen uns natürlich, dass Bad Rappenau Erwähnung fand.
Und wir. Natürlich.
An diesem schönen Spätsommermorgen hatte ich geplant, meine Gedanken zur Audi weiter zu führen. Aber es kam gestern anders.
Ich hatte Geburtstag.
Nein. Kein Fishing for Compliments.
Ein Freund aus der Gesundheitsökonomie schrieb mir morgens: „Glückwunsch.“
Ich: „Danke.“
Dann begann er plötzlich, über Inhalte aus meinem Brief zu schreiben.
Ich war verwirrt.
Bis er schrieb:
𝗛ö𝗿𝗲 𝗴𝗲𝗿𝗮𝗱𝗲 𝗱𝗲𝗶𝗻𝗲𝗻 𝗡𝗮𝗺𝗲𝗻 𝗯𝗲𝗶 𝗠𝗘𝗚𝗔 𝘃𝗼𝗻 𝗣𝗼𝘀𝗰𝗵𝗮𝗿𝗱𝘁.
Kurz darauf:
𝗔𝘂𝘀𝗳ü𝗵𝗿𝗹𝗶𝗰𝗵𝘀𝘁. 𝗧𝗼𝗹𝗹!
Eine ziemlich überraschende, aber schöne Geburtstagsnachricht.
Einige Tage zuvor hatte ich Ulf Poschardt und Daniel Stelter einen längeren Brief geschrieben. Nicht, um erwähnt zu werden. Schon gar nicht als Fanpost.
Sondern weil ich ihren Podcast und ihre Publikationen für wichtig halte.
Weil dort Dinge ausgesprochen werden, die in der politischen Debatte allzu schnell hinter Moral, Haltung und Symbolpolitik verschwinden.
𝗜𝘁’𝘀 𝘁𝗵𝗲 𝗲𝗰𝗼𝗻𝗼𝗺𝘆, 𝘀𝘁𝘂𝗽𝗶𝗱.
So banal der Satz klingt, so sehr scheint er vergessen worden zu sein.
Man kann sich vieles wünschen: mehr Förderung, mehr Umverteilung, mehr Programme, mehr gesellschaftspolitische Projekte.
Ich habe nichts gegen schöne Dinge.
Aber ich vertrete eine altmodische Auffassung:
𝗠𝗮𝗻 𝘀𝗼𝗹𝗹𝘁𝗲 𝗱𝗲𝗻 𝗴𝗮𝗻𝘇𝗲𝗻 𝗛𝗶𝗽𝗽𝗶𝗲-𝗤𝘂𝗮𝘁𝘀𝗰𝗵 𝘃𝗶𝗲𝗹𝗹𝗲𝗶𝗰𝗵𝘁 𝗲𝗿𝘀𝘁 𝗱𝗮𝗻𝗻 𝗳𝗶𝗻𝗮𝗻𝘇𝗶𝗲𝗿𝗲𝗻, 𝘄𝗲𝗻𝗻 𝗱𝗮𝘀 𝗚𝗲𝗹𝗱 𝘃𝗼𝗿𝗵𝗲𝗿 𝘃𝗲𝗿𝗱𝗶𝗲𝗻𝘁 𝘄𝘂𝗿𝗱𝗲.
Polemisch formuliert.
Gemeint ist etwas sehr Unromantisches:
Ohne eine starke Wirtschaft gibt es auf Dauer weder einen großzügigen Sozialstaat noch funktionierende Kommunen, gute Bildung, Infrastruktur, Klimaschutz oder all die anderen Dinge, über die wir gerne reden.
Diese Klarheit schätze ich an dem Podcast. Nicht, weil ich jeder Aussage zustimme. Sondern weil dort noch über die Grundlage gesprochen wird, auf der alles andere überhaupt erst möglich ist.
𝗠𝗲𝗶𝗻 𝗕𝗿𝗶𝗲𝗳 𝘄𝗮𝗿 𝘁𝗿𝗼𝘁𝘇𝗱𝗲𝗺 𝗮𝘂𝗰𝗵 𝘁𝗵𝗲𝗿𝗮𝗽𝗲𝘂𝘁𝗶𝘀𝗰𝗵𝗲𝘀 𝗦𝗰𝗵𝗿𝗲𝗶𝗯𝗲𝗻.
Ich wollte erklären, warum ich dieses Land manchmal nicht mehr verstehe. Warum ich mich gelegentlich fühle wie Wonko der Verständige aus „Per Anhalter durch die Galaxis“: als lebte ich ausserhalb des Irrenhauses und blickte auf eine Welt, in der zunehmend die anderen verrückt geworden sind. Das innere.
Es ging um meine Biografie als Kind einer Gastarbeitergeneration. Um meinen absurden Weg zum deutschen Pass, den ich am Ende nie bekam.
Man verlangte damals einen Sprachtest von mir, obwohl ich in Deutschland aufgewachsen war und ein deutsches Gymnasialzeugnis vorlag.
ok, ich war verletzt und dann trotzig. Mach keinen Sprachtest.
So war das damals.
Dahinter steckt eine größere Frage: Warum gelten für verschiedene Generationen und Gruppen so unterschiedliche Maßstäbe?
Die einen warteten Jahrzehnte, brachten Nachweise, integrierten sich und mussten sich beweisen. Heute sprechen wir über Turboeinbürgerung.
Man darf diese Unterschiede benennen, ohne irgendjemandem Zugehörigkeit oder Staatsangehörigkeit abzusprechen.
Und bei den vergifteten Debatten über Migration und Remigration fällt mir noch etwas auf:
𝗪𝗼 𝗸𝗼𝗺𝗺𝗲𝗻 𝗲𝗶𝗴𝗲𝗻𝘁𝗹𝗶𝗰𝗵 𝗱𝗶𝗲 𝗠𝗶𝗹𝗹𝗶𝗼𝗻𝗲𝗻 𝗠𝗲𝗻𝘀𝗰𝗵𝗲𝗻 𝗮𝘂𝘀 𝗱𝗲𝗻 𝗸𝗹𝗮𝘀𝘀𝗶𝘀𝗰𝗵𝗲𝗻 𝗚𝗮𝘀𝘁𝗮𝗿𝗯𝗲𝗶𝘁𝗲𝗿𝗳𝗮𝗺𝗶𝗹𝗶𝗲𝗻 𝘃𝗼𝗿?
Kroaten, Italiener, Griechen, Spanier, Portugiesen, Türken, Jugoslawen und viele andere, die seit Jahrzehnten hier leben, arbeiten, Unternehmen aufgebaut, Kinder großgezogen, Steuern gezahlt haben und längst gemeinsam mit den sogenannten Biodeutschen ihren Alltag leben?
Unspektakulär.
Genau deshalb offenbar uninteressant.
Bei Teilen der harten Rechten existiert diese Lebenswirklichkeit kaum. Und auf der anderen Seite begegnet sie einem oft nur als folkloristische Staffage der gelungenen Vielfalt.
Der Dönerladen um die Ecke.
„Ich gehe ja auch gerne mal einen Döner essen.“
Really?
Ist das der intellektuelle Tiefgang unserer Integrationsdebatte?
Millionen Menschen, mehrere Generationen und eine gemeinsame Lebenswirklichkeit werden auf die freundliche Versicherung reduziert, dass man ausländisches Essen mag.
Das ist dumm, einfältig und einseitig.
Und leider bedienen auch Medien und Podcaster dieses Muster, wenn sie komplexe Biografien und gesellschaftliche Realität auf solche Döner-Anekdoten verkürzen. So auch leider benunskriptet mit Björn Höcke, so auch Jasmin Kosubek mit Ulrich Siegmund. Aber auch die ganze Armada der peinlichen Linken, wie Felix Benaszak, der sich, oh Wunder, in der Dönerbude findet.
Ich finde das armselig und entlarvend.
Auf allen, so gut gemeinten Seiten fehlt etwas sehr Einfaches:
𝗥𝗲𝘀𝗽𝗲𝗸𝘁 𝘃𝗼𝗿 𝗱𝗲𝗿 𝗥𝗲𝗮𝗹𝗶𝘁ä𝘁.
Vor Menschen, die längst Teil dieses Landes sind, ohne ständig ihre ethnische Zugehörigkeit, ihre politische Verwertbarkeit oder ihre kulturelle Besonderheit vor sich hertragen zu müssen.
Vielleicht ist gerade das Integration.
Wie im Podcast gesagt wurde, war Dr. Maximilian Krah der einzige AfD-Politiker, der diese Lebenswirklichkeit und die notwendige Differenzierung eingebracht hat.
Und dafür wurde er in seiner eigenen Partei beinahe gehängt.
Das sagt einiges aus.
Mein Brief handelte außerdem von Kleinunternehmern, Bürokratie, Europa, China, Kommunalpolitik und vor allem von einer Frage:
𝗪𝗼 𝗶𝘀𝘁 𝗱𝗶𝗲 𝗽𝗼𝗹𝗶𝘁𝗶𝘀𝗰𝗵𝗲 𝗠𝗶𝘁𝘁𝗲 𝗴𝗲𝗯𝗹𝗶𝗲𝗯𝗲𝗻?
Ulf Poschardt und Daniel Stelter haben sich im aktuellen MEGA-Podcast mehrere Minuten mit meinem Brief beschäftigt und daraus vorgelesen.
Das hat mich überrascht.
Und ein wenig beruhigt.
Denn ganz falsch kann ich mit manchen Beobachtungen offenbar nicht liegen.
𝗕𝗲𝘂𝗻𝗿𝘂𝗵𝗶𝗴𝘁 𝗯𝗶𝗻 𝗶𝗰𝗵 𝘁𝗿𝗼𝘁𝘇𝗱𝗲𝗺.
Zu vieles wird seit Jahren nicht gelöst, sondern umgangen.
Mit Ersatzdebatten, Nebelgranaten und einer Sprache, die Probleme so lange bearbeitet, bis sie kaum noch sichtbar sind.
Währenddessen erodiert jene bürgerliche Mitte, die das Rückgrat dieses Landes sein sollte:
Menschen, die arbeiten, Familien tragen, Unternehmen führen, Vereine am Laufen halten, Kommunalpolitik machen, Steuern zahlen und schlicht erwarten, dass der Staat funktioniert.
Eine ziemlich bunte Mitte übrigens.
Der Familienunternehmer genauso wie die Angestellte.
Der Kroate genauso wie der Schwabe.
Der Handwerker, die Krankenschwester, der Ingenieur, die Selbständige, der Alleinerziehende.
Konservativ, liberal, sozialdemokratisch, manchmal grün, manchmal gar nichts davon.
Nicht einig in allem.
Aber geerdet in ihrer Lebenswirklichkeit.
Wenn diese Mitte dauerhaft ignoriert wird, sucht sie sich andere Orte.
Dann landet sie auch an den Rändern.
Nicht immer aus Überzeugung.
Oft aus Frust, Trotz oder dem Gefühl, dass dort wenigstens noch jemand zuhört.
Das ist gefährlich.
𝗠𝗮𝗻 𝗯𝗲𝘀𝗰𝗵ä𝗳𝘁𝗶𝗴𝘁 𝘀𝗶𝗰𝗵 𝘂𝗻𝘂𝗻𝘁𝗲𝗿𝗯𝗿𝗼𝗰𝗵𝗲𝗻 𝗺𝗶𝘁 𝗱𝗲𝗻 𝗥ä𝗻𝗱𝗲𝗿𝗻 𝘂𝗻𝗱 𝘄𝘂𝗻𝗱𝗲𝗿𝘁 𝘀𝗶𝗰𝗵 𝗮𝗻𝘀𝗰𝗵𝗹𝗶𝗲ß𝗲𝗻𝗱, 𝗱𝗮𝘀𝘀 𝗱𝗶𝗲 𝗠𝗶𝘁𝘁𝗲 𝗱𝗼𝗿𝘁𝗵𝗶𝗻 𝗮𝗯𝘄𝗮𝗻𝗱𝗲𝗿𝘁.
Unsere Lebenswirklichkeit ist eine andere als viele der politischen Ersatzdebatten, mit denen man uns seit Jahren beschäftigt.
Und irgendwann ist genug.
𝗕𝗲𝘄𝗲𝗴𝘁 𝗲𝘂𝗰𝗵.
Nicht nur in Berlin.
Nicht nur in Parteien.
Nicht nur auf großen Bühnen.
Auch wir anderen sollten uns bewegen.
Im Gemeinderat.
Im Verein.
Im kleinen Unternehmen.
In einer Bürgerinitiative.
In einer Facebook-Gruppe.
Oder indem wir uns hinsetzen und jemandem schreiben, wenn wir glauben, dass etwas schiefläuft.
Vielleicht sogar drei oder vier Seiten.
Man weiß ja nie, wer sie liest.
Und genauso wichtig ist die politische Mitte.
Nicht die langweilige oder beliebige Mitte.
Nicht der kleinste gemeinsame Nenner zwischen Parteizentralen.
Sondern eine Mitte, die zuhört, abwägt, Widersprüche aushält, Leistung anerkennt, soziale Verantwortung ernst nimmt und trotzdem die profane Frage stellt:
𝗙𝘂𝗻𝗸𝘁𝗶𝗼𝗻𝗶𝗲𝗿𝘁 𝗱𝗮𝘀 𝗲𝗶𝗴𝗲𝗻𝘁𝗹𝗶𝗰𝗵?
Diese Mitte darf nicht verstummen.
Vielleicht war das die eigentliche Botschaft meines Briefes.
Wir sollten öfter sagen, was wir denken.
𝗡𝗶𝗰𝗵𝘁 𝗹𝗮𝘂𝘁𝗲𝗿.
𝗔𝗯𝗲𝗿 𝗸𝗹𝗮𝗿𝗲𝗿.
Danke fürs lesen.
𝗛𝗶𝗲𝗿 𝗱𝗶𝗲 𝗟𝗶𝗻𝗸𝘀 𝘇𝘂𝗺 𝗣𝗼𝗱𝗰𝗮𝘀𝘁 𝘂𝗻𝗱 𝘇𝘂 𝗱𝗲𝗻 𝗯𝗲𝗶𝗱𝗲𝗻:
MEGA, Folge 100
„Scheinaufschwung, Steuerwahn und die antikapitalistische Neue Rechte“
Meine Passage beginnt ungefähr ab Minute 40.
Apple Podcasts:
https://podcasts.apple.com/de/podcast/make-economy-great-again/id1780382816?i=1000787879362
Spotify:
https://open.spotify.com/show/78WR03SN1gPK0Ti7juMg3Q
Alternativ im Browser:
https://www.radio.de/podcast/make-economy-great-again
𝗗𝗮𝗻𝗶𝗲𝗹 𝗦𝘁𝗲𝗹𝘁𝗲𝗿
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