07/06/2026
Die Beherrschten haben gegenüber den Herrschenden einen Vorsprung – epistemisch, ästhetisch, affektiv und normativ. Jene mögen zwar reich an Geld und Macht sein, aber ansonsten sind sie arm und führen ein „hässliches, trauriges und gemeines Leben“. So lautet die These von Daniel Loicks Buch „Die Überlegenheit der Unterlegenen“.
Massimo Perinelli spricht mit dem Autor über das situierte Wissen und die transgressive Kraft derjenigen, die von Ausschluss und Ausbeutung betroffen sind. Und darüber, wie diese die Gesellschaft zum Besseren verändert haben in ihren tagtäglichen Anstrengungen, sich gegen alle Widerstände ein möglichst gutes Leben aufzubauen.
Daniel Loick ist Associate Professor für Politische Philosophie und Sozialphilosophie an der Universität Amsterdam. Seine Arbeit verortet sich an der Schnittstelle von Philosophie, Sozialtheorie und Politik und steht in der Tradition der kritischen Theorie. Besonders interessiert er sich für Kritiken der Staatsgewalt (Polizei, Gefängnisse und Grenzen) sowie Politiken der Lebensform. Er lebt und arbeitet in Amsterdam und Frankfurt am Main.
🎧 Hört euch jetzt die neue Folge an: https://www.rosalux.de/mediathek/media/element/2833
05/06/2026
Wie kann q***rer Widerstand gegen den Rechtsruck aussehen?
Mehr denn je brauchen wir Antworten auf den Aufstieg des neuen Faschismus – Antworten, die Identitäts- und Klassenpolitik zusammendenken.
Die Schriftsteller Didier Eribon und Édouard Louis beschreiben in ihren Werken eindringlich, wie Erfahrungen von Queerfeindlichkeit, Ausgrenzung und gesellschaftliche Abwertung eng mit ihrer Herkunft aus der französischen Arbeiterklasse verbunden sind. Dabei wird deutlich: Die Möglichkeit, offen und selbstbestimmt q***r zu leben, ist keine Frage individueller Selbstverwirklichung, sondern eine Frage der sozialen, politischen und ökonomischen Verhältnisse, in denen man lebt.
Auch die Philosophin Eva von Redecker hat in den vergangenen Jahren immer wieder auf die tiefen Brüche in einer Klassengesellschaft hingewiesen, die erst von neoliberalen und zunehmend von autoritären Entwicklungen verschärft werden. In ihrem aktuellen Werk zum „neuen Faschismus“ zeigt sie, dass der zunehmende „Drang nach Härte“ nicht am Rand entsteht, sondern aus der Mitte demokratischer Gesellschaften selbst – als Reaktion auf die sozialen Verwerfungen und Unsicherheiten des neoliberalen Zeitalters.
Die Moderation dieses besonderen Abends übernimmt Miriam Davoudvandi. Sie arbeitet als Journalistin, Podcasterin und Autorin. Mit ihrem jüngsten Buch „Das können wir uns nicht leisten“ beschreibt sie die alltäglichen Ausschlüsse, die durch Armut produziert werden.
Eine Kooperationsveranstaltung von Berliner CSD e.V., Helle Panke und Rosa-Luxemburg-Stiftung.
👉 Anmeldung über https://www.rosalux.de/q***rundklasse
05/06/2026
Warum erscheint Natur in modernen Gesellschaften häufig als etwas, das dem Menschen gegenübersteht?
In „Kapitalismus im Lebensnetz“ (2015) entwickelt Jason W. Moore eine grundlegende Kritik an der herkömmlichen Trennung zwischen Natur und Mensch/Gesellschaft. Dieser Dualismus, so Moore, verleitet uns dazu, Natur als etwas Externes zu begreifen: als passive Materie und Ressource, die es für ökonomische Zwecke zu klassifizieren, zu verwerten und – wenn es sein muss – auch zu zerstören gilt.
Doch der Mensch und die Gesellschaft sind der Natur nicht äußerlich, sondern immanenter Teil von ihr. Vor diesem Hintergrund muss auch die Geschichte des Kapitalismus als untrennbar von der Geschichte der Natur begriffen und analysiert werden. Der Kapitalismus, so seine These, operiert schließlich nicht jenseits von Natur, sondern ist selbst eine Weise, (menschliche und nichtmenschliche) Natur zu organisieren.
Die Entstehung des Kapitalismus verortet Moore daher nicht primär in Fabriken oder Märkten, sondern in historischen Prozessen der Erschließung sogenannter „billiger Natur“: Arbeitskraft (und ihrer Reproduktion), Nahrung, Energie und Rohstoffe. Die Logik kapitalistischer Akkumulation habe zu den ökologischen Umwälzungen geführt, die heute in der Klimakatastrophe sichtbar werden.
Wer trägt also die Verantwortung für die ökologische Katastrophe: die Menschheit als Ganze oder eine spezifische Form gesellschaftlicher Organisation?
Zu Gast bei Alex Demirović ist in dieser Folge der Forstwissenschaftler Oliver Pye.
👉 Die neue Folge tl;dr jetzt auf allen gängigen Plattformen oder auf https://www.rosalux.de/theoriepodcast hören
04/06/2026
Die Fußball-WM der Männer in den USA, Mexiko und Kanada steht vor der Tür – und wie jedes sportliche Großereignis hat auch diese WM eine politische und wirtschaftliche Dimension. Welche Interessen bestimmen die Sportwelt?
Wie instrumentalisieren Staaten Großereignisse für ihre eigene Propaganda? Außerdem: Bringt ein persönlicher WM-Boykott überhaupt etwas – und wie sehen linke und sozialistische Perspektiven auf Sportpolitik aus?
Pauline Jäckels spricht mit der Sportjournalistin Alina Schwermer.
Alina Schwermer hat Journalismus und Geschichte in Dortmund, Bochum und Sankt Petersburg studiert. Seit 2015 schreibt sie über die politischen und gesellschaftlichen Dimensionen des Sports. Zuletzt erschien von ihr „Futopia – Ideen für eine bessere Fußballwelt" (2022), das auf der Shortlist zum Fußballbuch des Jahres stand.
🏆 https://www.rosalux.de/mediathek/media/element/2834
04/06/2026
Seit den ersten Erfahrungen mit Faschismus gab es nicht nur viele Analysen, ihn zu verstehen, sondern auch viele Ansätze und Praktiken, ihn zu bekämpfen.
Die in der Kommunistischen Internationale organisierten Linken verfolgten in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Strategie der Bildung einer Einheitsfront der Arbeiterparteien und später einer – auch von bürgerlichen Kräften getragenen – Volksfront.
Dazu gehörten die spanische „Frente popular“ und die buchstäblich von der Straße in die Regierung gewählte französische „Front populaire“ als prominenteste Beispiele. Letztere übernahm heute vor 90 Jahren, am 4. Juni 1936, unter Léon Blum die Regierung in Frankreich.
Zeitgleich scheiterten Versuche, auch in der deutschsprachigen Emigration eine antifaschistische Volksfront aufzubauen. In Spanien wiederum putschten Teile des Militärs gegen das Bündnis aus Republikaner*innen, Sozialist*innen und Kommunist*innen.
🗓️ Angesichts vieler Überlegungen für antifaschistische Allianzen in unserer immer bedrängteren Gegenwart haben wir Gäste aus Spanien und Frankreich zu einer Vortragstour im Juni nach Wuppertal (18.6.), Potsdam (19.6. im Rahmen des über:morgen-Festivals), Hamburg (22.6.) und Leipzig (23.6.) eingeladen.
👉 Weitere Infos zu den Veranstaltungen sowie Texte zum Thema findet ihr auf https://www.rosalux.de/antifaschistische-allianzen
03/06/2026
Fußball-Weltmeisterschaften waren nie nur Sportereignisse. Autoritäre Regime nutzen sie zur politischen Inszenierung, Konzerne und FIFA verwandeln sie in globale Geldmaschinen.
Die WM 2026 in den USA, Mexiko und Kanada wird erneut zeigen, wie eng Machtpolitik, Kommerz und gesellschaftliche Konflikte miteinander verbunden sind. Gleichzeitig entstehen rund um den Fußball immer wieder Protest, Solidarität und Gegenöffentlichkeit.
Die WM steht heute für einen Fußball, der immer stärker nach den Interessen von Verbänden, Sponsoren und Medienkonzernen organisiert wird – oft auf Kosten von Fans, Zugänglichkeit und lokaler Verankerung.
Gleichzeitig waren die Weltmeisterschaften von Beginn an Spiegel von globalen, kolonial und imperial geprägten Machtverhältnissen, und sie werfen ein Licht auf gesellschaftliche Konflikte, etwa Ungleichheit und Armut, Migrationspolitik und autoritärer Umbau – auch und ganz besonders in den USA.
Wir fragen nach, wie politische Machtinteressen, ökonomische Logiken und Fankulturen zusammenwirken: Wer profitiert von der WM? Wer trägt die sozialen und politischen Kosten? Welche Formen von Kritik, Protest oder Aneignung entstehen rund um das Turnier – und was lässt sich daraus für eine internationalistische Perspektive auf Sport und Politik lernen?
👉 Historische Analysen zur politischen Geschichte der Weltmeisterschaften und zur besonderen Situation in Nordamerika, Hintergründe zur FIFA, zu Sportswashing, zu Kommerzialisierung, Korruption und Alternativen im Fußballbetrieb, sowie Beispiele für Zeichen der Solidarität und Widerstände in der Fankultur jetzt auf https://www.rosalux.de/wm2026
02/06/2026
Er jagte Che Guevara und regierte doch als Linker. Heute vor 50 Jahren wurde der bolivianische General und Präsident Juan José Torres im argentinischen Exil ermordet.
Torres wurde 1921 in eine mittellose indigene Familie im Cochabamba-Tal in Bolivien hineingeboren. Er ging zur Armee, wurde Luftwaffengeneral und 1964 Minister in der Militärregierung unter René Barrientos.
1967 jagte das bolivianische Militär Che Guevara, der nach dem Erfolg der kubanischen Revolution in Bolivien erfolglos eine Guerillagruppe führte, ergriffen und getötet wurde. Torres war in dieser Phase stellvertretender Stabschef unter General Alfredo Ovando.
Trotz Revolutionsfurcht verfolgten die bolivianischen Militärs in den 1960er-Jahren eine nachholende Entwicklung, die der kubanischen ähnlich war. General Torres trieb sie als Präsident ab 1970 voran. Er nationalisierte Ölgesellschaften, metallverarbeitende Betriebe und Minen.
Die Regierung in Washington fürchtete ein zweites Chile. Auf ihren Druck hin erhielt Bolivien keine Kredite mehr, auf dem Weltmarkt wurden bolivianisches Zinn und Zink boykottiert. Schon 1971 wurde Torres durch Oberst Hugo Banzer Suárez verdrängt. Dessen Regierung unterdrückte die Arbeiterbewegung, setzte alle Bürgerrechte außer Kraft und verbot die Bauernverbände.
02/06/2026
Heute vor 100 Jahren wurde der Historiker Raul Hilberg geboren. Sein Buch „Die Vernichtung der europäischen Juden“ ist ein Grundlagenwerk der Holocaustforschung.
Doch als Hilberg es 1955 fertigstellte, fand er sechs Jahre lang keinen Verlag. Und eine deutsche Übersetzung erschien erst 1982 im linken Kleinverlag Olle & Wolter – der darauf sitzen blieb und pleiteging. Warum wurden Buch und Autor so verkannt?
Hilberg wurde 1926 in Wien geboren und floh 1938 mit seinen Eltern in die USA. Als Soldat kehrte er ins zerfallende Deutsche Reich zurück, seine Einheit befreite das KZ Dachau.
Im Auftrag der US-Armee sammelte Hilberg Dokumente zu Nazi-Verbrechen. Sein Arbeitgeber verlor im Kalten Krieg das Interesse daran, Hilberg nicht. Er vertiefte sich in die Materie, studierte an der Columbia University und schrieb einen Klassiker – machte damit jedoch keine Karriere.
Grund für die unwillige Rezeption war Hilbergs strukturalistischer Ansatz, der nicht den „Dämon Hitler“ oder eine Minderheit uniformierter N***s, sondern die deutsche Gesellschaft in den Blick nahm. Das wollte in Deutschland niemand hören.
Doch auch in den USA der 1960er-Jahre konnten Vertreter der Totalitarismustheorie wenig damit anfangen. Und in Israel provozierte seine These des angeblich fehlenden jüdischen Widerstands; sie wurde später von Hannah Arendt popularisiert, ohne dass Hilberg als Urheber der Kontroverse sichtbar wurde.
Erst später in seinem Leben erlebte Hilberg, wie sein Hauptwerk zum Klassiker erhoben wurde. Er starb 2007 in Burlington im US-Bundesstaat Vermont.