11/09/2026
Mitgliederbrief zur Landtagswahl in Sachsen-Anhalt
Lieber Kolleginnen und Kollegen,
jede politische Niederlage ist schmerzhaft. Es gibt allerdings Niederlagen, die sitzen besonders tief und werden lange nachwirken.
Wenn, wie in Sachsen-Anhalt, der Wahlsieger eine Partei ist, die unseren Rechtsstaat verächtlich macht, klar anti-europäisch auftritt und mit unseren christlich-demokratischen Werten nichts zu tun hat, dann ist dies nicht nur eine Zäsur für die CDU, sondern für die gesamte politische Mitte in diesem Land. Wir müssen die Staatskanzlei in Magdeburg an eine gesichert rechtsextremistische Partei übergeben. Ein historischer Tiefpunkt!
Die Wurzeln der CDA liegen auch im Widerstand gegen das NS-Regime. Christlich-soziale Gewerkschafter und Politiker wie Johannes Albers oder Jakob Kaiser und viele andere haben unter schwierigsten Bedingungen für Demokratie, Menschenwürde und Freiheit eingestanden. Diese Geschichte ist für uns kein Kapitel im Geschichtsbuch. Sie ist Verpflichtung.
Wir müssen nach vorne schauen. Und wir müssen Dinge verändern. Für mich ist klar: mit den üblichen Phrasen einer Nachwahlbetrachtung ist es nicht getan!
Es geht nun um die Frage, wie wir uns als CDU inhaltlich neu aufstellen, wie wir wieder zu mehr Breite bei Programm und Köpfen kommen können.
Wenn wir uns die Wahlanalysen anschauen, sehen wir klar, was die Menschen beschäftigt: steigende Lebenshaltungskosten. Die Sorge um den eigenen Arbeitsplatz. Die Angst vor sozialem Abstieg. Die Frage, ob man sich das Leben, das man sich aufgebaut hat, morgen noch leisten kann. Viele arbeiten hart und kommen trotzdem kaum über die Runden. Diese Themen werden von uns als CDU nicht klar genug adressiert. An vielen Stellen herrscht der Eindruck vor, „die in Berlin leben in ihrer eigenen Blase und haben nicht mal eine Vorstellung davon, wie mein Alltag aussieht“.
Genau das sind die Themen, die für uns als CDA im Fokus stehen. Für uns ist die CDU die Partei der fleißigen Menschen in diesem Land. Für uns ist die CDU auch der Anwalt derjenigen, die sich anstrengen und es trotzdem schwer haben.
Diesem Anspruch werden wir als Partei aktuell erkennbar nicht gerecht! Wenn 70 Prozent der Wählerinnen und Wähler, die wir in Sachsen-Anhalt verloren haben, sagen, dass die CDU sich nicht um Arbeitnehmer kümmert, dann müssen die Alarmglocken schrillen.
Wir wissen, dass wirtschaftliche Stärke und soziale Sicherheit keine Gegensätze sind. Wir wissen, dass Leistung sich lohnen muss – für die Pflegekraft genauso wie für den Facharbeiter, die Verkäuferin oder den Handwerker. Wir wissen, dass sichere Arbeitsplätze, bezahlbares Wohnen, gute Löhne und eine verlässliche Rente keine Nebenthemen sind. Sie entscheiden darüber, ob Menschen Vertrauen in unser Land und seine Politik haben.
Deshalb braucht es jetzt einen Kurswechsel. Bei den Inhalten, bei der politischen Erzählung, bei der Kommunikation.
Denn Politik ist nicht nur das, was man beschließt. Es geht auch darum, wie man auftritt, wie man spricht und ob die Menschen einem zutrauen, ihre Sorgen überhaupt zu verstehen. Wir werben für eine positive christdemokratische Zukunftserzählung.
Wenn wir an dem Anspruch festhalten wollen, Volkspartei zu bleiben, sollten wir in die Bundesländer schauen, wo wir als CDU Ergebnisse deutlich über dem Bundesschnitt erreicht haben.
Dazu wollen und werden wir als CDA unseren Beitrag leisten.
Jeder, der schon etwas länger Politik macht, weiß außerdem: Politik lebt von Kompromissen. Und erfolgreiche Politik lebt davon, Kompromisse auch erfolgreich zu vertreten.
Wir haben in den vergangenen Monaten erlebt, dass die Vorstellung von „CDU pur“ nicht funktioniert. Aus zweierlei Gründen: Erstens wurden Erwartungen geweckt, die in einer Koalition nicht eins zu eins erfüllt werden konnten. Zweiten ist als „CDU pur“ eine Linie verkauft worden, die maximal hart und kantig sein soll. Die eigentliche Essenz von „CDU pur“ ist jedoch nicht möglichst konservativ pur, sondern die richtige Balance zwischen konservativ, liberal und eben auch christlich-sozial. Wer das christlich-soziale Element als Gedöns und seine Vertreterinnen und Vertreter zu Nervensägen erklärt, geht konsequent am Kern und am einstmaligen Erfolgskonzept von Christdemokratie vorbei.
Kompromisse innerhalb der Union suchen und dann möglichst viel davon in einer Koalition umsetzen ist der richtige Ansatz. Wer von vornherein jeden Kompromiss mit dem Etikett „faul“ versieht, kann bei den Wählern nicht reüssieren.
Der Trumpismus, dessen Drehbuch wir auch in Deutschland erleben, lebt vom maximalen Gegensatz: wir oder die. Wir gegen die. Gut gegen Böse. Schwarz oder Weiß. Das muss jede Demokratie auf Dauer zerstören. Der Wesenskern von Demokratie beruht auf Kompromissen und Ausgleich.
Wer Verantwortung übernimmt, muss im Rahmen des politisch Möglichen gestalten. Er muss um die beste Lösung kämpfen. Und wenn ein vernünftiger Kompromiss gefunden wurde, muss er auch den Mut haben, dafür einzustehen.
Auch daraus müssen wir lernen.
Für uns als CDA heißt das: Wir werden uns einmischen.
Wir werden für eine Politik kämpfen, die wieder stärker über Arbeit und Leistung spricht. Die Menschen mit kleinen und mittleren Einkommen spürbar entlastet. Die Arbeitsplätze und industrielle Wertschöpfung in Deutschland sichert. Die den Sozialstaat reformiert, ohne diejenigen unter Generalverdacht zu stellen, die auf ihn angewiesen sind. Und die denen Sicherheit gibt, die jeden Morgen aufstehen, arbeiten gehen und dieses Land am Laufen halten.
Vor allem aber müssen wir wieder deutlich machen, wofür die christlich-soziale Idee steht: Der Mensch ist nicht Kostenfaktor. Arbeit ist mehr als eine Zahl in einer Bilanz. Und soziale Sicherheit ist keine Schwäche unserer sozialen Marktwirtschaft, sondern eine ihrer Voraussetzungen.
Das Wahlergebnis in Sachsen-Anhalt tut weh. Sehr sogar. Aber wir dürfen aus dieser Niederlage weder Resignation noch die falschen Schlüsse ziehen. Es steht viel auf dem Spiel: unser historisches und politisches Erbe als Christdemokraten, besonders auch mit Blick auf ein friedliches und geeintes Europa. Aber auch der geistig moralische Grundwasserspiegel in unserer Gesellschaft ist vor Absinken und Vergiftung nicht sicher. Wer sich anmaßt, Kirchensteuern abzuschaffen, weil die Kirchen ihrem christlichen Auftrag nicht nachkommen würden, zeigt, woher der Wind bei der AfD weht.
In der Schule und im Kindergarten meiner Kinder gibt es keine Ausländer, keine Juden, keine Moslems, keine Christen. Es gibt dort nur andere Kinder! Ich möchte nicht, dass Kinder in unserem Land aufwachsen, wo Hass, Rassismus und Ausgrenzung von der Staatsspitze propagiert werden. Es ist schlimm genug, dass sich dieses Gift wieder in unseren Alltag an vielen Stellen eingeschlichen hat.
Unsere Antwort auf die AfD kann nicht sein, ihr hinterherzulaufen. Unsere Antwort muss sein, verlorenes Vertrauen zurückzugewinnen. Mit einer Politik, die die Probleme klar benennt und löst. Mit einer Sprache, die Menschen erreicht. Und mit einem klaren christlich-sozialen Kompass.
Daran werde ich arbeiten. Daran wird die CDA arbeiten. Und ich hoffe, dass wir alle gemeinsam daran arbeiten.
Herzliche Grüße
Dennis Radtke MdEP
Bundesvorsitzender der CDA