14/10/2026
Rede des Fraktionsvorsitzenden Dr. Cevdet Gürle zur Errichtung einer Gesamtschule im Bildungszentrum Nord
Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,
meine Damen und Herren,
das Bildungszentrum Nord ist wahrlich kein neues Thema in diesem Rat. Bereits mehrfach haben wir uns mit der entscheidenden Frage beschäftigt: Welche Schulform ist für den Hammer Norden und Heessen die richtige?
Auf der einen Seite steht die schulpolitische Vereinbarung zwischen den Ampel-Plus-Parteien und der CDU, die den Neubau einer vierzügigen Hauptschule vorsieht.
Auf der anderen Seite steht unsere Forderung, die Schulformfrage anhand der aktuellen Entwicklungen noch einmal ergebnisoffen zu prüfen. Diesen vermeintlichen Schulkonsens tragen wir ausdrücklich nicht mit. Schließlich sprechen wir über eine geplante Investition von mehr als 40 Millionen Euro, die unsere Bildungslandschaft über Jahrzehnte prägen wird.
Meine Damen und Herren,
eines möchte ich deutlich machen: Es geht uns nicht darum, die Arbeit der Hauptschulen oder ihrer Lehrkräfte infrage zu stellen. Sie leisten wichtige pädagogische Arbeit.
Uns geht es vielmehr um die Frage, welche Schulform langfristig die besten Bildungschancen eröffnet. Noch immer beeinflusst die soziale Herkunft in Deutschland den Bildungserfolg erheblich. Bildungsgerechtigkeit darf deshalb nicht nur in Sonntagsreden beschworen werden. Sie muss sich auch in den Entscheidungen dieses Rates widerspiegeln.
Eine Gesamtschule ermöglicht längeres gemeinsames Lernen, hält unterschiedliche Bildungswege offen und bietet sämtliche allgemeinbildenden Schulabschlüsse bis hin zum Abitur. Deshalb sehen wir in einer Gesamtschule die richtige Zukunftsperspektive für den Hammer Norden und Heessen.
Meine Damen und Herren,
schauen wir uns die tatsächliche Schülerentwicklung an. Im Schuljahr 2016/2017 besuchten noch 1.785 Schülerinnen und Schüler die fünf Hammer Hauptschulen. Im Schuljahr 2025/2026 waren es nur noch 1.357. Ein Rückgang um rund 24 Prozent. Bei den Gesamtschulen stieg die Schülerzahl dagegen von 2.503 auf 2.989 – ein Zuwachs von rund 19 Prozent, der wesentlich mit dem Ausbau des Gesamtschulangebots in Herringen zusammenhängt.
Noch interessanter sind die Übergangszahlen aus den betroffenen Sozialräumen. Im Schuljahr 2025/2026 wechselten aus dem Hammer Norden von insgesamt 144 Kindern lediglich 20 auf eine Hauptschule, aber 46 auf eine Gesamtschule.
Betrachten wir zusätzlich Heessen und Bockum-Hövel, ergibt sich folgendes Bild: Aus allen drei Sozialräumen wechselten zusammen 56 Kinder auf eine Hauptschule, aber 176 auf eine Gesamtschule. Gleichzeitig plant die Stadt am Bildungszentrum Nord eine vierzügige Hauptschule mit einer rechnerischen Aufnahmekapazität von rund 96 Kindern pro Jahrgang. Natürlich können auch Kinder aus anderen Stadtteilen aufgenommen werden. Aber die Zahlen werfen eine berechtigte Frage auf: Auf welcher Grundlage wird die langfristige Vierzügigkeit dieser Hauptschule begründet, während eine integrierte Schulform offenbar nicht ernsthaft in Betracht gezogen wird?
Unser Vorschlag ist keineswegs ein Novum. Erinnern wir uns an die Falkschule in Herringen. 2011 wurde beschlossen, die damalige Hauptschule auslaufen zu lassen und eine Sekundarschule zu errichten. Die Arnold-Freymuth-Sekundarschule startete 2012 mit 78 Schülerinnen und Schülern in drei Eingangsklassen. Sechs Jahre später, 2018, wurde daraus die Arnold-Freymuth-Gesamtschule. Und jetzt wird es doch bemerkenswert: Für vier Hauptschulklassen soll der Bedarf vorhanden sein – für drei Klassen einer Sekundarschule dagegen nicht?
Das ist zumindest erklärungsbedürftig.
Denn das Schulgesetz NRW ermöglicht ausdrücklich die Errichtung einer dreizügigen Sekundarschule. Warum sollte also das, was in Herringen möglich war, für den Hammer Norden und Heessen nicht zumindest ernsthaft geprüft werden? Sie werfen mir immer wieder ideologische Verblendung vor. Aber ist es nicht gerade ideologisch, an einer einmal getroffenen schulpolitischen Entscheidung festzuhalten, ohne die Alternativen ergebnisoffen zu prüfen?
Meine Damen und Herren,
genau deshalb fordern wir einen sachlichen Vergleich von drei Varianten:
Erstens: eine vierzügige Gesamtschule.
Zweitens: eine drei- bis vierzügige Sekundarschule mit einer möglichen Entwicklungsperspektive zur Gesamtschule.
Drittens: die bislang vorgesehene vierzügige Hauptschule.
Dabei müssen insbesondere das Schülerpotenzial, der Elternwille, die schulrechtlichen Voraussetzungen und die finanziellen Auswirkungen berücksichtigt werden.
Die Ergebnisse sollen dem Rat spätestens bis zum 31. März 2027 vorgelegt werden.
Wenn wir heute einen neuen Schulstandort planen, müssen wir uns fragen, welche Schulform den Bedürfnissen der Kinder und Familien auch noch in zehn, zwanzig oder dreißig Jahren gerecht wird. Denn ein modernes Schulgebäude allein macht noch keine zukunftsweisende Schulpolitik aus.
Unser Ziel bleibt eine vierzügige Gesamtschule für den Hammer Norden und Heessen. Sollte diese derzeit schulrechtlich nicht realisierbar sein, wollen wir zumindest eine dreizügige Sekundarschule mit einer möglichen späteren Entwicklung zur Gesamtschule prüfen lassen.
Deshalb appellieren wir an Sie:
Prüfen wir die Alternativen ergebnisoffen, beziehen wir die Eltern ein und schaffen wir eine belastbare Entscheidungsgrundlage.
Denn Bildungsgerechtigkeit bedeutet, Kindern Wege zu eröffnen – und nicht, diese bereits bei der Schulplanung unnötig zu begrenzen.
Deshalb bitte ich Sie um Zustimmung zu unserem Antrag.
Vielen Dank.