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14/10/2026

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13/10/2026

Frau L. und das NiederrrrbieberrrrIch hatte ein Beratungsgespräch mit Frau L. Ihre Tochter hatte mich gebeten, gemeinsam...
13/10/2026

Frau L. und das Niederrrrbieberrrr

Ich hatte ein Beratungsgespräch mit Frau L. Ihre Tochter hatte mich gebeten, gemeinsam mit ihr und ihrer Mutter herauszufinden, welche Unterstützung hilfreich sein könnte.

Die ersten Gespräche sind oft nicht einfach. Schließlich möchte man im Grunde doch lieber allein zurechtkommen. Fremde Menschen so nah an das eigene Leben heranzulassen, ist nicht leicht. Man muss sich erst kennenlernen, Vertrauen aufbauen und gemeinsam herausfinden, welche Hilfe überhaupt infrage kommt. Dabei tastet man sich Schritt für Schritt voran.

Bei Frau L. schien mir das zunächst ganz unkompliziert. Sie hatte einen Dialekt, den ich nicht zuordnen konnte, und so fragte ich sie, woher sie denn käme. Ihre Antwort kam prompt und voller Empörung: Sie lebe seit über 60 Jahren in Nieeederrrbieeeberrr und finde es ausgesprochen unhöflich, ihr eine solche Frage zu stellen.

Ihre Tochter erzählte mir später, dass ihre Mutter im Jahr 1946, damals 32 Jahre alt, aus dem Ausland nach Niederbieber gekommen war. Dennoch hatte sie bis heute das Gefühl, nicht wirklich anerkannt zu werden.

Ich versuchte, ihr meine Frage zu erklären. Ich hätte schließlich auch einen Menschen aus Bayern oder Berlin gefragt, woher er käme, wenn mir sein Dialekt aufgefallen wäre. Außerdem, so sagte ich ihr, schwätze sie eindeutig kein Biewerer Platt.

In den vielen Jahren, in denen ich Frau L. begleiten durfte, lernte ich nach und nach ihre Lebensgeschichte kennen. Und damit verstand ich auch immer besser, warum meine erste Frage sie so verletzt hatte.

Frau L. war als Tochter eines Müllers aufgewachsen. Ihre Familie hatte schon sehr früh elektrisches Licht, und als Kind durfte sie ihre Mutter ins Theater und in die Oper begleiten. Sie wuchs in einer Welt auf, die ihr viele Möglichkeiten und kulturelle Erlebnisse bot.

Dann kam der Krieg.

Frau L. war eine junge Frau, als sie sowohl von russischen als auch von deutschen Soldaten vergewaltigt wurde. Es waren Erfahrungen, die niemand machen sollte und die sich tief in ihr Leben eingebrannt hatten.

Später lernte sie einen deutschen Offizier kennen. Zwischen den beiden entstand eine ehrliche Liebe. Nach dem Krieg holte er sie zu sich nach Hause.

Frau L. war Schuhdesignerin in einer großen Stadt. In ihrem Heimatland hatte sich inzwischen der Sozialismus als neue Staatsform etabliert. Sie stand vor einer Entscheidung: Sollte sie bleiben oder dem Mann folgen, den sie liebte?

Schließlich entschied sie sich, seiner Bitte nachzukommen. Sie packte fünf Koffer: drei voller Schuhe und zwei mit Kleidung. Doch an der Grenze eröffnete man ihr, dass sie mit der Ausreise staatenlos werden würde und lediglich einen einzigen Koffer mitnehmen dürfe.

All das hielt sie nicht davon ab, ihre Reise fortzusetzen. In Niederbieber bemerkte sie, dass sie sich für einen Koffer voller Schuhe entschieden hatte.

Ihr Weg führte sie durch Landschaften und Städte, die vom Krieg vollkommen zerstört worden waren. Als sie schließlich in Niederbieber ankam, erwartete sie nicht nur ihr zukünftiges Zuhause, sondern auch eine zukünftige Schwiegermutter, die ihren Hass auf alles Fremde kaum verbergen konnte.

Das Haus war zum großen Teil zerstört, die Fenster fehlten. Und obwohl sie den Mann liebte, dem sie in dieses fremde Land gefolgt war, durfte sie nicht bei ihm schlafen. Solange die beiden nicht verheiratet waren, musste sie mit einer Kammer auf dem Dachboden vorliebnehmen.

Doch selbst die Heirat ließ sich nicht ohne Weiteres verwirklichen. Als Staatenlose erhielt sie zunächst keine Genehmigung dazu.

Vieles hatte sie sich anders vorgestellt. Sie hatte gehofft, mit dem Mann, den sie liebte, ein gemeinsames Leben aufbauen zu können. Stattdessen musste sie sich in einer fremden Umgebung zurechtfinden, in einem zerstörten Land, in dem ihr nicht jeder wohlgesonnen war.

Das Heimweh war oft kaum auszuhalten.

Ihr Mann schrieb jahrelang Bittbriefe, damit sie in ihr Geburtsland reisen und ihre Familie besuchen durfte. Erst nach acht Jahren wurde ihr dieser Wunsch erfüllt – allerdings unter strengen Auflagen. Sie musste sich täglich bei der Polizei melden und durfte nur bestimmte Routen benutzen.

So ging es viele Jahre lang.

Auch in Niederbieber wurde ihr das Leben nicht leicht gemacht. Ihre Schwiegermutter ließ sie immer wieder spüren, dass sie nicht erwünscht war, und erzählte überall Schlechtes über sie, die Fremde.

Frau L. hatte ihre Heimat verlassen, weil sie einen Menschen liebte. Sie hatte vieles aufgegeben und große Hindernisse überwunden, um mit ihm zusammenleben zu können. Doch das Ankommen war ihr schwer gemacht worden. Sie war zwar in Niederbieber zu Hause, aber offenbar nicht immer willkommen.

Irgendwann saßen wir gemeinsam in ihrem geliebten Garten. Es war einer dieser Momente, in denen ein Mensch auf sein Leben zurückblickt und sich fragt, ob alles vielleicht auch ganz anders hätte kommen können.

Frau L. sagte zu mir, es wäre wohl besser gewesen, wenn sie damals gar nicht erst nach Deutschland gekommen wäre.

Ich versuchte, ihr eine andere Perspektive zu eröffnen. Nach mehr als 65 Jahren in Deutschland sei sie doch viel mehr deutsch, als sie selbst glaube. Und auch ihre ursprüngliche Heimat habe sich in all den Jahren verändert. Das Land, nach dem sie sich sehnte, war nicht mehr das Land, das sie einst verlassen hatte.

Vielleicht war es aber auch gar nicht mehr so wichtig, diese Frage eindeutig zu beantworten.

Denn je älter Frau L. wurde, desto häufiger kehrte sie in Gedanken zu ihrer Kindheit zurück. Die Erinnerungen an ihre Familie, an die vertrauten Orte und an die Welt, in der sie aufgewachsen war, gewannen zunehmend an Bedeutung. Und ihre Muttersprache wurde ihr immer wichtiger.

Ich konnte das gut verstehen.

Vielleicht hatte Frau L. ihr Leben lang versucht, irgendwo dazuzugehören. In ihrer ursprünglichen Heimat war sie nicht geblieben, in Deutschland hatte sie sich vieles erkämpfen müssen. Und obwohl sie Jahrzehnte in Niederbieber gelebt hatte, war da offenbar immer noch dieses Gefühl, nicht ganz anerkannt zu sein.

Als ich sie bei unserem ersten Gespräch fragte, woher sie käme, wollte ich eigentlich nur wissen, wo sie aufgewachsen war. Für mich war es eine ganz alltägliche Frage gewesen, aus Neugier auf einen Menschen, dessen Dialekt ich nicht zuordnen konnte.

Für Frau L. aber steckte darin vermutlich viel mehr.

Vielleicht hörte sie in meiner Frage all die früheren Fragen mit, die ihr im Laufe ihres Lebens gestellt worden waren. Vielleicht erinnerte sie sich an die vielen Situationen, in denen sie als Fremde betrachtet worden war, obwohl sie doch längst hier lebte. Vielleicht war meine Frage für sie nur eine weitere Bestätigung dessen, was sie schon so oft erfahren hatte: dass sie trotz all der Jahre noch immer nicht selbstverständlich dazugehört hatte.

Erst als ich ihre Geschichte kannte, verstand ich ihre Reaktion wirklich.

Manchmal ist eine scheinbar harmlose Frage für einen Menschen eben nicht nur eine Frage. Manchmal berührt sie eine ganze Lebensgeschichte.

12/10/2026

Wenn man sich das nächste Mal ärgert warum Dr. MeyerMüllerSchulze zu hat, hier ist die Antwort. Und das wird immer heftiger, weil niemand ohne Entlohnung arbeiten will. Auch Ärzte nicht.

12/10/2026

Unser Team- gemeinsam sind wir stark

12/10/2026

# # # 2008 – Wie alles begann

2008 war das Jahr, in dem ich durch Frau T. einen neuen Klienten bekam – und zwar den intensivsten, den ich je begleiten sollte.

Frau T. war mit ihrer entfernten Verwandtschaft etwas zerstritten. Deshalb schickte sie mich los, um bei ihren Cousinen nachzufragen, ob es tatsächlich einen Trauerfall gegeben habe. Sie selbst würde das sehr traurig finden, ließ sie mich wissen.

Ich lebe in einem recht beschaulichen Dorf, in dem mich so ziemlich jeder kennt. Also machte ich mich auf den Weg und klingelte bei den beiden Schwestern. Sie baten mich sofort herein, und wir unterhielten uns eine Weile ganz zwanglos. Schließlich kam ich auf den Grund meines Besuchs zu sprechen und fragte im Namen von Frau T., ob Herr M. tatsächlich verstorben sei.

Dass ich im Auftrag von Frau T. gekommen war, ließ eine der Schwestern völlig explodieren. Sie fing an zu toben. Ich bat kleinlaut um Entschuldigung und versicherte ihr, dass ich sie keinesfalls hatte aufregen wollen.

Doch sie stand vor mir, stampfte mit dem Fuß auf und brüllte:

„Ich will mich aber jetzt aufregen!“

Ich beschloss, mich lieber recht schnell zu verabschieden.

Die Geschichte hätte damit eigentlich zu Ende sein können. Doch manchmal nimmt das Leben bekanntlich die seltsamsten Umwege.

Die beiden Schwestern gaben ihrem Nachbarn meine Telefonnummer weiter, denn Herr G. benötigte nach einem Schlaganfall dringend Hilfe.

Und so begann eine 16-jährige Begleitung, die nicht mit seinem Tod endete, sondern bis heute andauert – inzwischen mit seiner Frau.

Wenn ich damals gewusst hätte, dass ausgerechnet dieser missglückte Besuch der Anfang einer so langen und intensiven Verbindung werden würde, hätte ich vermutlich gestaunt. Manchmal beginnt etwas Großes eben mit einem kleinen Missverständnis und einem Menschen, der sich unbedingt aufregen möchte.

07/10/2026

Herr Grün lebte mit seiner Frau in unserem kleinen, bescheidenen Ort. Er war ein stiller Mann, und wenn man ihm begegnete, hätte man vielleicht nicht vermutet, welches Leben hinter ihm lag.

Geboren war er in Siebenbürgen. Er war ein außergewöhnlich gebildeter Mensch. Sein Abitur hatte er in fünf Sprachen abgelegt, und sein eigentlicher Lebensplan war klar: Er wollte nach Berlin und Medizin studieren. Doch zunächst musste er, wie es damals vorgeschrieben war, ein Jahr in der Armee ableisten.

Dann kam der Krieg.

Rumänien war zu dieser Zeit noch Verbündeter des Deutschen Reiches. Für Herrn Grün wurde seine ungewöhnliche Sprachbegabung nun zu etwas, das über seinen weiteren Lebensweg entscheiden sollte. Er beherrschte fünf Sprachen – und er beherrschte sie nicht nur in seiner Jugend. Noch bis ins hohe Alter konnte er sie vollkommen sprechen. Im Krieg wurde er deshalb als Übersetzer bei Offizieren eingesetzt.

So kam er weit herum. Er arbeitete an verschiedenen Orten hinter den Frontlinien und war dadurch näher am Geschehen, als man es sich heute vielleicht vorstellen kann. Gleichzeitig erzählte er, dass er während dieser Jahre wohl nie wirkliche Not leiden musste.

Eine seiner Erzählungen ist mir besonders im Gedächtnis geblieben.

Er berichtete von einem kleinen Dorf, in dem ein Offizier den Befehl gegeben hatte, die jüdischen Bewohner zusammenzutreiben. Sie sollten an einem Ort versammelt und dort erschossen werden.

Herr Grün war damals mit einem Flugzeug unterwegs. Mit dem Piloten hatte er sich abgesprochen. Sie müssten sofort weiterfliegen, so sollte es heißen, denn schlechtes Wetter würde eine spätere Weiterreise unmöglich machen.

Es war eine jener Geschichten, bei denen man im Nachhinein lange überlegt, was ein einzelner Mensch in einem solchen Augenblick überhaupt hätte tun können.

Ich fragte ihn einmal, ob man einen solchen Befehl nicht einfach anders hätte übersetzen können.

Herr Grün verneinte. In den Übersetzerteams habe es immer mindestens zwei Übersetzer gegeben. Eine absichtliche Falschübersetzung wäre aufgefallen. Und wer so etwas versucht hätte, hätte mit seinem Leben gespielt.

Später, als Rumänien sich vom Deutschen Reich lossagte, sollte Herr Grün zur SS übertreten. Auf dem Weg zu der Stelle, an der er für die SS tätowiert werden sollte, kam es zu einer jener Wendungen, die man sich kaum ausdenken könnte: Er tauschte seine Kleidung mit einem Wehrmachtssoldaten.

Damit entging er offenbar seinem Schicksal.

Das Kriegsende erlebte er schließlich im Ruhrgebiet. Er war staatenlos und besaß zunächst nichts – nichts außer der Kleidung, die er am Leib trug.

Er kam bei einem Bauern unter. Dort lernte er seine spätere Frau kennen.

Sein ursprünglicher Traum, Medizin zu studieren, blieb unerfüllt. Das Leben hatte ihn inzwischen auf einen anderen Weg geführt. Er wurde Ingenieur und arbeitete sein Leben lang gewissenhaft und erfolgreich in seinem Beruf.

Erst als er älter geworden war, erzählte er häufiger von den Jahren des Krieges. Vielleicht brauchte es die Entfernung der Jahrzehnte, bevor manche Erinnerungen ihren Weg nach außen fanden. Vieles von dem, was er erlebt hatte, blieb dabei in Andeutungen und kurzen Erzählungen.

Doch wenn er von seiner Bildung erzählte oder aus seiner Erinnerung schöpfte, zeigte sich ein anderer Teil dieses Mannes. Er konnte ein ganzes Buch von Ringelnatz auswendig und vollständig zitieren. Nicht ein paar Verse, nicht einzelne Stellen – ein ganzes Buch.

Es war etwas beinahe Unwirkliches: Dieser Mann, der als junger Mensch Medizin hatte studieren wollen, der fünf Sprachen sprach, der den Krieg als Übersetzer erlebt hatte, der staatenlos im Ruhrgebiet angekommen war und sich dort ein neues Leben aufbauen musste, saß nun unter uns und konnte Ringelnatz auswendig vortragen.

Nach seinem Tod blieb seine Frau noch bis zu ihrem Umzug in ein Pflegeheim meine Klientin.

Und auch mit ihr verband sich eine eigene Geschichte.

Aber das ist dann die nächste Geschichte.

05/10/2026

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